Das Wiener Volksliedwerk wird hauptsächlich von der Wiener Magistratsabteilung
Bildung und außerschulische Jugendbetreuung (MA 13) sowie vom Referat
Wissenschafts- und Forschungsförderung der Kulturabteilung der Stadt
Wien (MA 7) finanziert. Das Institut beherbergt in seinem Archiv an die
20.000 Flugblätter mit Wienerliedern, 45.000 gedruckte Noten in Liederbüchern,
ca. 40.000 Instrumentalstücke (hauptsächlich Arrangements für
Schrammelensemble) und einige tausend Ton- und Videodokumente. Das wissenschaftliche
Team des wvlw forscht über Wiener Volksmusik
im weitesten Sinn und publiziert regelmäßig in der Zeitschrift
bockkeller
(1995 ff.). 2004 wurde eine eigene Buchreihe begonnen ?Beiträge zur
Wiener Musik. Der erste Band Wienerlied und Weana Tanz (2004, Löcker
Verlag) erschien anlässlich einer großen Ausstellung über
das Wienerlied im Rahmen des Wienerlied-Festivals wean
hean 2004. Die gesamte Ausstellung mit über 800 Objekten ist
dokumentiert auf einer CD-Rom Shop.
Jedes Jahr bringt das wvlw eine CD mit einem
Querschnitt der im vorjährigen wean hean
Festival aufgenommenen Konzerte heraus ? wean hean. Vol. 1 – 8.
Eine weitere Aufgabe des wvlw liegt in der
Betreuung wissenschaftlicher Arbeiten von Studenten und Schülern
sowie der Unterstützung von Wissenschaftlern, die sich mit Wiener
Volksmusik beschäftigen.
Das wvlw veranstaltet Konzerte mit wienerischer,
österreichischer und internationaler Volksmusik, Musikantentage,
Offene Singen und Wienerlied-Stammtische. Seit dem Jahr 2000 richtet das
wvlw das alljährliche Festival (wean
hean = Wien Hören) aus, welches sich um das alte und neue Wienerlied
dreht.
Im Selbstverständnis des Institutes liegt der Fokus auf seiner wissenschaftlichen
Arbeit und der Unterstützung von Studenten, Musikern und Laienpublikum.
In Wien sind zahlreiche Vereinigungen zur „Rettung, Förderung
und Pflege“ des Wienerliedes angesiedelt, die das traditionelle
Wienerlied pflegen. Von dieser Aufgabe sozusagen befreit, hat das wvlw
den Freiraum, Veranstaltungen projekt- und themenbezogen zu gestalten
und womöglich neue Impulse zu geben. Das muss es auch, wenn es die
Aufgabe ernst nimmt, bei jungem Publikum und auch Musikernachwuchs Interesse
zu wecken. An aktivem Nachwuchs mangelt es zur Zeit nicht in Wien. In
den letzten Jahren haben sich viele Formationen gebildet, die einerseits
sehr stark an der Tradition hängen und andererseits das Wienerlied
und die Wiener Musik zum Anlass nehmen, auf deren Basis eine eigene Musiksprache
zu entwickeln. Dabei nehmen jene die Empörung mancher Traditionalisten
in Kauf und haben dennoch oder gerade deshalb bei einem breiten Publikum
Erfolg. Die Mehrzahl dieser Musiker hat Kontakt mit dem Wiener Volksliedwerk
und nutzt sowohl das Archiv und die Bibliothek des Institutes als auch
die Auftrittsmöglichkeiten im Veranstaltungssaal des Bockkellers
oder im Rahmen des Festivals wean hean.
Zur Geschichte des Wiener Volksliedwerkes
Die Geschichte des Wiener Volksliedwerkes
beginnt 1904 mit dem vom Ministerium für Cultus und Unterricht begonnenen
Projekt des Sammelns und Editieren von Volksliedern in den österreichischen
Kronländern der Habsburgermonarchie. Unter Minister Wilhelm Ritter
von Hartel wurde der Grundstein für das Österreichische Volksliedunternehmen
(OVU) geschaffen. Zentrale Gestalten des Unternehmens waren der Gymnasialprofessor
und Reichstagsabgeordnete Josef Pommer, der mährische Komponist Leo
Janacek, der Prager Germanist Adolf Hauffen und der slowenische Liedforscher
Karl Strekelj. Es wurden ehrenamtlich-regionale Arbeitsausschüsse
in allen ethnischen Gruppen der Donaumonarchie (außer Ungarn) aufgestellt,
die Material für eine wissenschaftliche Ausgabe mit dem Titel „Das
Volkslied in Österreich“ in ihren Archiven sammeln und dokumentieren
sollten. Die Archive von Wien und Niederösterreich führte man
dabei von Beginn an zusammen. Die geplante Edition kam infolge des Ersten
Weltkrieges und des Zusammenbruchs der Habsburgermonarchie nicht mehr
zustande. In der Ersten Republik blieben aber die Arbeitsausschüsse
der Bundesländer mit der Zentrale im Unterrichtsministerium weiter
tätig. 1938 erfolgt die Gründung des Ostmärkischen Volksliedunternehmens
als Nachfolgeeinrichtung des OVU. Die Zusammenarbeit mit der Abteilung
Volksmusik des Staatlichen Instituts für Deutsche Musikforschung
in Berlin führte bei vielen Mitarbeitern zu einer der nationalsozialistischen
Doktrin genehmen politischen und weltanschaulichen Herangehensweise an
Wissenschaft und Pflege.
Nach dem Krieg erfolgte 1946 die Neugründung und Umbenennung des
OVU auf den Namen Österreichisches Volksliedwerk. 1974 werden die
Arbeitsausschüsse aus dem Unterrichtsministerium ausgegliedert und
als jeweilige Landesvolksliedwerke verselbständigt – der Rechnungshof
stellte damals fest, dass „Volksliedsammlung und Volksliedpflege“
keine Aufgaben des Staates seien. Die Trennung Niederösterreichs
von Wien, die letztlich in der Übersiedlung des Archivs nach St.
Pölten ihren Abschluss fand, machte es 1993 erforderlich, ein separates
Archiv des Wiener Volksliedwerkes (wvlw)
zu gründen. Mit der im gleichen Jahr erfolgten Übersiedlung
in den Liebhartstaler Bockkeller (16. Bezirk) begann das wvlw
neben seiner Forschungsarbeit eine rege Veranstaltungstätigkeit.

Das wvlw sieht sich heute als Schnittstelle
zwischen Forschung und Praxis, lebendiger Tradition und vernetzter Stadtforschung.
Eine wichtige Aufgabe sieht es außerdem in der Anregung, die Geschichte
der österreichischen Volksliedforschung aufzuarbeiten. An der Person
Josef Pommers (1845 – 1918) etwa, der seine Forschungstätigkeit
mit dem ideologischen Unterbau eines aggressiven Deutschnationalismus
vermischte, scheiden sich auch heute noch die Geister.
Das Wienerlied ist auch ein wenig wie das Haus, in dem das wvlw
untergebracht ist. 1907 wurde der Bockkeller gebaut, ein Vorstadtgasthaus,
das in seiner retrospektiven Bauweise den zukunftsweisenden Bauten eines
Otto Wagners (Steinhof Kirche) oder den Projekten der Wiener Werkstätten
wie das Kabarett Fledermaus völlig entgegenstand. Im gleichen Jahr
gebaut, stehen diese architektonischen Musterbeispiele symptomatisch für
das Kultur- und Geistesleben Wiens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der
ewige und verklärende Ruf nach der guten alten Zeit spiegelte sich
im Bockkeller wider, Otto Wagner und Josef Hoffmann sehnten sich indes
nach einer Loslösung der alten Ideale – ein fruchtbarer Kampf
zwischen Tradition und Moderne. Mit der Fledermaus versuchten die Künstler
und Künstlerinnen der Wiener Werkstätte hochwertige und moderne
Grafik, Architektur und Kunst auf Unterhaltungsebene zu etablieren. Geboten
wurden Kabarett, aktuelle Operettenparodien und moderner Tanz, aber auch
Alt-Wienerisches mit den in der Wienerliedszene berühmten Schwestern
Maly & Mizzi Nagl. Am 6. März 1908 berichtet Peter Altenberg,
der legendäre Kaffeehausliterat und Verehrer besonders junger Mädchen
über einen Auftritt von Maly Nagl (1893-1977) im Kabarett "Fledermaus":
[...] Ein Kunstwerkchen, ein allerliebstes, ist Amalia Nagel, die Fünfzehnjährige,
als Dirndl in einem Alt-Linzerischen Kostüm mit Goldhaube, ein altösterreichisches
Lied vortragend [...] Sie ist eigentlich das allerbeste, was es an "Wiener
Sängerin" gibt. So jung sie ist, ist sie ein vornehmes Überbleibsel
von vergangenen Zeiten, so 1850 ungefähr [...].
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