Herbert Zottis Raunzerzone

in: bockkeller, 28. Jg., Nr. 3 / Juni - August 2022

Zwei Wochen nach meiner letzten Raunzerzone ist die Ukraine- „Sonderaktion“ gestartet worden. Hat mich wieder an meine Jugend erinnert und dem damals, der glorreichen Sowjetunion zugeschriebenen Spruch. „Und willst du nicht mein Bruder sein, so hau ich dir den Schädel ein“. Im „Kalten Krieg“ noch als Drohung, jetzt blutigster Ernst. Wir stehen hilflos daneben und sind froh, dass der Krieg noch ein paar hundert Kilometer weit weg ist. Die Frau Verteidigungsminister schleift schon ihr Küchenmesser und ein Ausschuss beschäftigt sich damit, was unser Heer bräuchte, wenn es irgendwas, irgendwann bekommen würde. Bis es so weit sein wird, tanzt wieder alles Walzer – beim Friedenskongress oder als Totentanz. Wie schon in Grillparzers Bruderzwist zu lesen: „Das ist der Fluch des edlen Hauses: Auf halben Weg und zu halben Ziel mit halben Mitteln zauderlich unterwegs! Entscheidungen, erst recht, wenn sie uns was kosten, sind nicht so unser Ding.
Aber es gibt auch Erfreuliches (was in dieser Kolumne eigentlich nichts verloren hat): Unsere Veranstaltungen laufen jetzt „normal“ und unmaskiert ab. Das Festival „wean hean“ lässt uns glauben, dass auch das Publikum langsam wieder den Weg aus den Wohnzimmern findet und „dabei“ ist. Noch leben wir mit der unbegründeten Hoffnung, dass der 3. Covid-Gesundheitsminister es schaffen wird, plausiblere Regelungen für den Herbst durchzusetzen. Dagegen waren die Aufgaben des Herkules aber ein Lercherl. Zudem, wie bereits oben erwähnt, ist das Gewurschtel systemimmanent. Wundern wir uns also nicht wenn der nächste Nikolaus wieder mit einem FFP2-Bart daherkommt.
Abschließend muss ich noch ein persönliches Dilemma aufarbeiten: Susanne Schedtler ist im Frühjahr in den – wie man so schön sagt- „wohlverdienten Ruhestand“ gegangen. Normalerweise hätte ich da eine seitenlange Lobeshymne auf ihre 20-jährige Tätigkeit im Volksliedwerk geschrieben. Aber sie ist auch, Zufall oder nicht, meine Frau. Und da wirkt’s ein bisserl sonderlich, völlig unabhängig davon was man schreibt. Wenn positiv (was in diesem Fall absolut erforderlich wäre), wird man ein gelangweiltes Nona ernten. Wenn negativ, dann von häuslichen Konsequenzen einmal abgesehen, bekommt man auch noch eine üble Nachred‘ als eifersüchtelnder alter weißer Mann, der Mitarbeiterinnen kein Lob gönnt.
Klar, war es ein Wagnis a Deitsche auf so einen Bürostuhl weanerischer Identität und Selbstvergewisserung zu setzen. Jedenfalls ist es ihr gelungen, die anfängliche Skepsis im Volksliedwerk, die sich in zarten Anspielungen auf ihre teutonische Herkunft, wie „ham mir kane eigenen Leit?“ Luft gemacht hat, relativ rasch, also in einigen Jahren zu zerstreuen. In dieser Zeit haben wir uns an die Andersartigkeit gewöhnt. Etwa das Ja eben Ja bedeutet und Nein wirklich Nein und nicht vielleicht oder schau‘ ma amoi…Selbst ich spreche über unsere deutschen Bundesbürger schon viel netter als vordem. Glaub‘ ich wenigstens.

H. Zotti