Herbert Zottis Raunzerzone

in: bockkeller, 28. Jg., Nr. 2 / März - Mai 2022

31.1.2022: Es is‘ schiach, grauslicher kalter Wind, der mir den Hut vom Kopfe wehte, wenn ich einen trüge. Auch der Schnee würde von meinen Tritten krachen, wenn’s welchen gäbe. Eigentlich eine Zeit, die man gerne abwartend im Bett verbringen würde. Warten auf bessere Zeiten! Nur: wer garantiert uns, dass die jemals kommen – und wenn, dann wann? Und werden wir dann die Erde noch bewohnen? Natürlich können wir vom lieben Mai träumen, der die Blätter wieder grün macht. Das ist zwar deutlich schöner, als die Realität (inzwischen dürfen wir auch fragen „welche Realität?“), erschwert aber das Aufwachen zusätzlich.
Vielleicht würden wir uns ja über „Österreich as it is“ weniger aufregen, wenn wir nicht angewöhnt hätten, permanent die große Moralkeule zu schwingen. „Ich war nie blind gegen die Fehler der Anderen“ hat schon der Herr Karl gesagt. Klar hatten und haben wir in den letzten Jahren (und den Jahrhunderten davor) allen Grund misstrauisch zu sein. Aktuell können wir uns über die neue Erkenntnis echauffieren, dass die „Posten“ dieser Republik nach „Absprachen“ der regierenden Parteien vergeben werden. Wie naiv muss man sein, um anderes zu vermuten. Würde sonst die glorreiche Österreichische Armee von einer (ex) Niederösterreichischen Bauernbunddirektorin geführt werden? Bei nicht allzu vielen MinisterInnen vermutet man, dass die fachliche Qualifikation den Ausschlag gegeben hat. Wie das obige Beispiel zeigt gibt es eben noch andere Kriterien, wie Geschlecht, regionale Zugehörigkeit, Verankerung in einem (politischen) Netzwerk. Natürlich auch Sympathie, Rede- und Selbstdarstellungsvermögen. In der ÖVP halt noch, dass man dem Bund angehört, der noch keinen Posten ergattert hat. Das alles ist etwas verdrießlich, aber kein Grund den Blutdruck in unverträgliche Höhen zu treiben.
Die Erkenntnis, dass wir eben schon „so sind“, mag bitter sein. Aber dass wir den „Anderen“, vorrangig Politikern, nur mehr mit der Schuldsvermutung begegnen, ist auch nicht die Lösung. Wie kann man erwarten, dass sich noch irgendein intelligenter Mensch, der noch dazu was gelernt hat und auch am „freie Markt“ erfolgreich sein würde, in die Politik begibt? Dort vorwiegend der Häme der Medien und den Shitstorms des SM-Pöbels ausgeliefert zu sein, jedes Wörterl (auch aus der Kindheit) auf die Waagschale der Moralisten und Sprechcorrectler zu legen und deutlich weniger zu verdienen als in der Wirtschaft. Übrigens meine ich damit nicht und keinesfalls unseren Silikontalkanzler, der uns jetzt beweist, dass wir nur zu doof waren, um seine ungeheuerlichen Fähigkeiten richtig einzuschätzen. Was wir einfachen Bürger daraus lernen können ist allenfalls, dass es keine profanen „Wunder“ gibt. Viele der Wunderwutzis, „Männer des Jahres“ und Helden unserer Tage, verschwinden nach relativ kurzer Zeit von der Bildfläche, entweder in den „Häfen“ (weniger), in ihre Villen (mehr) oder müssen eben schlimmstenfalls, wenn sie zu wenig Geldscheffeljahre und das Rentenalter noch vor sich haben, arbeiten.
Mir selbst zum Trost: Der Frühling kommt trotzdem.

H. Zotti