Herbert Zottis Raunzerzone

in: bockkeller, 28. Jg., Nr. 4 / September - Oktober 2022

Ich habe wieder einmal den Abgabetermin für meinen Text versemmelt. Irgendwer hat mir vor Jahren diese Raunzerzone eingebrockt und jetzt muss ich halt. Und das, wo manche längst in der Sonne braten, oder wenigstens würden, wenn ihr Flugzeug geflogen wäre – aber leider fehlen überall die Leute. Wenn das Schlamassel lange genug währt, ändert das die Erwartungshaltung. Nur besonders Naive glauben, dass ihr Flugzeug, wenn überhaupt, dann pünktlich fliegt und dann noch das Gepäck (gleichzeitig) ankommt.
Im Mai/Juni war ich einige Male unterwegs. In London war zwar das Flugzeug da, aber nicht genügend Personal fürs Gepäckeinladen. Also sitzt man halt nahezu ein Stündchen im Flugzeug und ist froh, dass man doch noch abhebt. In Deutschland ist Bahnreisen schon länger ein Kollektivabenteuer. Aber jetzt ist irgend so ein Klimarettungsfuchs auf die Idee gekommen, über den Sommer ein 9-Euro-Ticket einzuführen. Damit mehr Bahn gefahren wird. Wird’s auch. Ich war vor zwei Wochen in Kassel und wollte nach Düsseldorf (zugegebenermaßen ein sonderliches Anliegen). Der gebuchte ICE samt Platzkarte ist einfach „entfallen“. Also: Personenzug, 3 umsteigen, brechend voll mit Schulklassen und Wanderrentnern. Ich gönn‘s eh allen. Aber man fährt jetzt Bahn weil‘s praktisch nichts kostet und unternimmt Fahrten, die man sonst nicht gemacht hätte. Und auch nicht statt des PKWs, sondern zusätzlich. Wie das dem Klima nützen soll, entzieht sich meiner lückenhaften Einsicht.
In Deutschland gibt’s also wenigstens eine Erklärung für den Publikumsschwund bei Kulturveranstaltungen – die sitzen alle in der Bahn! Wenn wir Veranstaltungen für 9 Euro / Monat machen würden, wären auch die Kulturabteile voll. Und die grausame Feststellung „Halbvoll ist das neue Ausverkauft“ hätte ihren Schrecken verloren. Nur geht sich das finanziell nicht aus (bei der Bahn auch nicht – aber das ist einfach politischer Wille). Kaum eine Gesellschaftsgruppe ist die letzten 2 Jahre so gebeutelt worden wie freischaffende Musiker und andere „Performer“, etwa Kabarettisten. Sicher: Inflation, Preisexplosionen. Für viele Menschen wird’s finanziell ziemlich eng. Und da hilft das staatliche Füllhorn nicht viel. Weil da eh nur verteilt wird, was uns vorher abgeknöpft worden ist – und von dem auch nur ein Bruchteil. Ich weiß schon, dass sich das nach Stammtischgeschwätz anhört, aber auch, dass irgendwer, also wir, alle Krisen, die wir durchleben auch finanzieren müssen.
Und ich weiß auch, dass im Haushaltsbudget die Kultur als „Luxusgut“ zu den ersten Dingen gehört, auf die verzichtet wird. Jetzt jammern alle, dass in vielen Bereichen Personal fehlt. Viele Mitarbeiter haben sich in der Krise umschulen lassen. Wenn das auch noch unsere Künstler tun, um nicht unter das Existenzminimum zu kippen, dann steht die Welt, wie wir sie kennen und lieben, wirklich nimmer mehr lang. Wir sollten das verhindern und „hingehen“.

Herbert Zotti